Tour de Ruhr

Mit dem Partyfloß von Hattingen nach Bochum

Ja, der Titel ist geliehen, und selbstredend dachte ich bei seiner Auswahl an jene Kult-Serie aus der Feder Elke Heidenreichs, von der ich gerne zugebe, dass ich sie mir immer wieder gern ansehe! Also die Serie…
Weiland unternahmen fünf Leute eine Radtour durch den Pott. Dem Alter der Sportlichkeit inzwischen entwachsen, ließ der Verfasser dieser Zeilen das Fahrrad im Keller – oder in meinem Falle im Laden – und befuhr die Ruhr persönlich. Mit einem Floß! Nein, wenn auch bisweilen als T(h)or verschrien, so handelte es sich bei dem Wasserfahrzeug nicht um eine Art Heyerdal’sche Kon-Tiki, sondern um ein Partyfloß. In meinem Alter gibt man der Sicherheit den Vorzug. Und der Party…

Das Heinz Magazin geht an Bord

Zu Wasser ließ man Floß und Poet im pittoresken Hattingen. Aus Sicht der Landratte eine idyllische Aussicht, oder? Trockenen Fußes bestieg ich das aufgeblasene Boot, steuerte zielsicher eine aufgebaute Bank am Partytisch an und beschloss, zunächst die Aussicht zu genießen, während die Mitreisenden vom Heinz Magazin unsere Chartergaleere vorantrieben. Die Nase im Winde, inhalierte ich die Flussluft, genoss die Landschaft, und stand auf den Planken wie Horatio Hornblower.

Die ersten Untiefen wurden gemeistert; die ersten Enten passiert; das erste Bier…hätte getrunken werden können, aber als wahrer Käpt’n trinkt man ja Rum, und da keiner verfügbar war, blieb ich abstinent! Auch ein Bounty lehnte ich ab! Nein, als Chef einer sorgfältig schanghaiten Mannschaft muss Mann Vorbild sein!

Unser Paddelkatamaran glitt sanft durch das nun ruhigere Gewässer. Ohne den kleinsten Hauch des Willens zur Meuterei, ergriffen die Damen an Bord fest die Riemen, und mit entschlossenen aber zarten Auf-und-ab-Bewegungen ihrer feinen Arme geschah es, dass wir gewaltig kamen…nämlich dem Ziel stetig näher!

An der Küste lag ein gestrandeter Nachen. Von der Besatzung keine Spur! Und…mir entgingen nicht die sehnsüchtigen Blicke der beriemten Damen in Richtung des Außenbordmotors. Sollten wir das Bötchen entern? Sollten wir diese Prise machen? Doch bevor ich den Befehl zum lichten des Ankers geben konnte, da…musste ich einsehen, dass der Paddlerinnen Hände behänd unser Schiff am Strandgut vorbei gesteuert hatten!
Nein, wir hätten an diesem unbefestigten Ufer auch gar nicht anlegen können. Jedenfalls nicht ohne Beschwerlichkeit und Gefahr, und als Käpt’n musste ich ja auch an die Unversehrtheit der Damen denken. Also…atmete ich tief ein und gab mit wiederholtem „zuuuuuuuugleich!“ den Takt vor. Ja, ich sah denn doch Dankbarkeit in ihren Augen!

…erst recht, als sich an der Küste jene bedrohlich aussehenden Mitglieder der fremden Fauna zeigten! Menschenfressende Ur-Wasservögel kennen alle, die in ihren Kindertagen Brehm sein Tierleben lasen, oder? Ich konnte einen solchen ablichten und der Nachwelt für ornithologische Zwecke somit dokumentieren. Dabei gelang mir auch eine Aufnahme von Vertretern der Spezies bos primigenius taurus. Auch ihnen waren wir somit entronnen…
Wir stießen auf erste Hinweise menschlicher Zivilisation! Eine verrottete Brücke aus Zeiten der Industrialisierung. Die Damen am Bug atmeten auf. Doch der Atem blieb ihnen im Halse stecken, als wir sodann in Strudel gerieten. Erst hektisch, dann panisch bewegten sie die Paddel, und nur des Käpt’ns Steuerkünste ist es zu verdanken, dass wir nicht havarierten!

…was zudem an jener Stelle auch streng verboten war, wie diese antike Blechtafel verkündet! Hier mussten bereits Myriaden Schiffe verunfallt sein, denn woher sollten sonst die Deformationen stammen? Nein, hier war unseres Bleibens nicht! Mit dem bereits bekannten Ausruf trieb ich erneut die Damen an, dass die Riemen in ihren, mittlerweile von Schwielen der Mühsal übersäten, Händen vor Anstrengung zitterten. Trotz Gegenwindes machten wir an Knoten mindestens…also wenn nicht…aber keinen auch nur halben weniger! Vor allem die Damen am Bug rissen sich am…öh…also am Riemen, und der feuchte Glanz in ihren Augen zeigte mir diesmal ihre entspannte Glückseligkeit!
Ja…wir waren dem Bermuda Hattingens schadlos entkommen!
Ohne Sex…öh…also…äh…tant, ohne Karte, ohne Navi! Ich atmete schwer… Der Anblick des verwaisten Leuchtturms am Kap der guten Hattinger hinterließ mich grübelnd. Hier hatte von 1881-1879 die berühmte Schlacht bei Isenberg Heerscharen taperer Männer das Leben gekostet!

Tja…hätten se sich besser mal von Frauen paddeln lassen, woll? Ich selbst hatte diesen Plan in einsamen Nächten ausgebrütet und muss gestehen, meine Brust schwoll an. Ich schloss die Augen und sah mich, dekoriert mit dem Orden ‚Pour le Ruhrdite‘, sah mich befördert zum Gegenkonteradmiral. Aus diesem Tagtraum riss mich jäh ein spitzer Schrei der Bugschönheit zur linken. Was war geschehen? Feind? Land? Smartphone gewässert? Nein! Ein…armes kleines Entchen schwamm in Agonie. Leider obsiegte Freund Hein. *schluchz*


Ich nahm den Dreispitz vom Haupt, senkte Letzteres, salutierte den vorbei schwimmenden Hinterbliebenen. Besagte Bugschöne kremplte ihr ohnehin spät beginnendes Oberteil auf Halbmast. Ich räusperte mich missbilligend! In einer solchen Situation erwartete ich als Mann, dass sie…von oben krempelte. Na was! Man ist als Mann auch Ästhet!

Mit Schmerz in der Brust blickte ich gen Himmel. Denn dies war in dieser elegischen Lage für mich die einzig realistische Possibilität, unbemerkt Entkrempeltes anspechten zu können. Ich war wie elektrisiert. Wie würden diese köstlichen…vor meinem geistigen Auge krempelte ich von oben. Und auch die Wolken trugen Trauer!

Von Strömungen gebeutelt, vom Schmerze gezeichnet, vom Winde verweht, so erreichten wir das Kap Isenberg. Burg Isenberg bei Isenburg! Eigentlich erwartete man dies ja umgekehrt. Ja, der gemeine historische Namensgeber an der Ruhr ist ein Schlemihl! Und ich…wurde an dieser Stelle zum Paddler.

Die Dame an der Steuerbordseite im Mittelschiff schwächelte. Hatte sie doch das verblichene Entlein nach dem Verbleichen noch ein gehöriges Stück weit verfolgt. Auch gezielte Paddelschläge hatten es weder versenken noch abschütteln können! Das war ein Zeichen! In mir stieg ein ungutes Gefühl auf…


Ja, ich bekam Hunger und Durst! Die Unbilden und Imponderabilien der Fahrt forderten Tribut. Doch weit und breit keine Klause in Sicht.
Mit Bäumen konnte die Natur an den Ruhrauen reichlich dienen, nicht aber mit Dönerbuden, Imbisswagen, Landgaststätten, Grillständen…ich paddelte milchigen Blicks vor mich hin. Mein Magen knurrte dergestalt, dass die Gekrempelte am Bug sich erschrocken umdrehte. Glaubte sie für einen Moment ihren Dobermann ‚Theo‘ an Bord…
Ich esse gern Chinesisch, aber was zu weit geht…

Vor uns türmten sich die Wolken am Firmament. Ja, auch für ein kitschig‘ Wort muss mal Platz sein!
Und die Frau, die den Manne kennt, weiß um seine Leiden, wenn er darbt. Mit einem Becher Apfelschorle benetzte ich die welken Lippen. Und ich wünschte mir das Täubchen dort oben…vor mich, gebraten im Speckmantel, dazu ein Blumenkohlrisotto…aber der charakterstarke Kapitän leidet stumm!!!
Ich halluzinierte! Ich sah vor mir ein merkwürdiges Gesicht; von dunklem Haar umrahmt, in der Mitte gescheitelt; mit grauen Schläfen; mit tiefen Furchen auf der hohen Stirn; mit zwei hellen, wachen, starr blickenden Augen; mit ohne Nase; mit vorgeschobenem Kinn und intergalaktischem Pferdegebiss.
Ich wurde schwächer…

Ich vernahm mit vorletzten Kräften krampfhaftes Krempeln. Doch das war mir Wurscht! War ich doch Hungerleider, nicht mehr Ästhet. Und dann…“Land in Sicht!“ War dies doch der Kwai? Hatte hier Colonel Nicholson sein Werk vollbracht? Nein! Das war nicht Kanchanaburi; hier geht es von Essen nach Bochum! Ja, manchmal auch umgekehrt. Und ich wusste, gleich wird es Atzung geben.
Mit letzten Kräften…sprang ich auf, drückte einer mich erwartungsvoll anblickenden Frau meinen Riemen in die Hand (Jo, unglückliche Wortwahl!), zwang sie auf die Knie, befahl ihr die passende Stellung einzunehmen, und…unter lautem Stöhnen ging es richtig ab! Der Riemen tauchte immer und immer wieder tief ein das es spritzte und ich spürte, gleich sind wir da!

Die Dame mit meinem Riemen wollte mich in die Schranken weisen, doch ich musste für meine Mannschaft in die Schranken treten, konnte ich meinen und somit unseren Hunger doch nicht mehr länger in Schranken halten, denn ich wusste, dass in Bochum irgendwo ein Zentrum der Currywurst sein musste. Volle Kraft ging es voraus, dass wir Ralf Holtmeyers Olympia-Achter am Dorney Lake förmlich versenkt hätten. Dazu trotzten wir den plakativ herausgestellten Gefahren. In diesen Sekunden entschied ich, sollte irgendwann mal irgendwer Eisensteins ‚Panzerkreuzer Potemkin‘ remaken wollen, diese Besatzung würde ich zum Carsten schicken! (…oder wie das heißt)
Die Kaimauern Dahlhausens näherten sich uns bedrohlich. Ein Verlassen der Fahrrinne auch nur um einen Zentimeter hätte unseren sicheren Tod bedeutet! Aber…dass mich alle Damen der Crew seitdem zärtlich ‚Navi‘ nennen, erwähne ich an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber!
Apropos halber. Meine Ernennung zum Ruhrschiffer honoris causa gilt als beschlossen. (Reinschiffen beherrsche ich aus dem Effeff, Ehrensache!)
Begrüßt wurde ich von einer schönen Tochter der Eva, die mich glühend von der Brücke aus anhimmelte. Zu gern hätte ich diese Verehrung sexuell ausgenutzt, aber noch waren wir nicht im sicheren Hafen, und ich stellte ohne wenn und aber meine Libido hintan, denn mein Schiff und meine Mannschaft konnten und können sich in jeder Sekunde auf mich verlassen und…jo, mit 18 hätte ich das auch anders gesehen!
…und was ist schon der heißeste und leidenschaflichste und schmutzichste Sex gegen diesen Anblick? Jo…das habe ich mit 18 auch anders gesehen! Das Alter kommt nicht…das Alter ist scheinbar schon da!

Mit 22 fuhr ich nach Hattingen, eine wunderhübsche Blondine zu…Sie wissen! Kaum doppelt so alt fahre ich nach Hattingen, im Schweiße meiner Schuhe zu paddeln. Oder die Bürzel zahlreicher Enten zu betrachten.
Betrübt stelle ich zudem fest, dass ich mich in fortschreitendem Maße für den Golfspocht interessiere. Ich muss da mal was überschlafen…

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja…Bürzel. Wie finde ich eine passende Überleitung zur Kriegsschifffahrt? Jedenfalls liefen wir nun ein in den Hafen Dahlhausens. Wir passierten die geballte Marine Bochums. Da fällt mir ein…kennen Sie den Unterschied zwischen einem Ruderer und einem Paddler? Der Paddler sagt: „Davorn ist ein Ausflugslokal“. Der Ruderer sagt: „Dahinten wäre ein Ausflugslokal gewesen“!
Schön, das mal erwähnt haben zu können…
Nein, was das sein soll, das weiß auch der geneigte Gegenkonteradmiral und künftige Olympionike in der Spochtart „Ganzkörperfloßen mit Stechpaddel und Hüftschaden auf Dachlatte“ nicht. Ich vermute, wenn ich mit der Bootsumtrage ein Boot umtrüge, wäre ich ein Bootsumträger…oder?

Das ist eindeutig ein Hund!
Zudem ein wasserscheuer.
Memme!
Ja, aus sicherer Entfernung beschimpft es sich leichter. Wasserscheu mag er sein, jedoch versteht er sich hervorragend im Handwerk des Bellens. (knapp gefolgt vom Knurren)
Platz 3 belegt übrigens Sabbern!
Nicht mal ein Pfötchen hat er ins Gewässer gestippt!

Wie zu sehen, hätten wir nicht nur an der Kaimauer zerschellen können, nein, wir hätten auch die Dahlhausen-Fälle herunter stürzen können. Der Letzte, dem dies zu überleben gelang, war angeblich Harry Houdini 1752. Darum nennt man jenen Wassersturz auch „Harry-Falls“…Anspielungen auf britische Prinzen und deren Drang etwas fallen zu lassen, sind rein zufällig und…quasi unvermeidbar!
Die berühmte Bochumer Wasserrutsche von 1912. Sie gilt als ältestes noch erhaltenes Relikt der frühneuzeitlichen Erlebnisbadarchitektur. Revolutionierend war die direkte Wassereinspeisung durch einen großen natürlichen Wasserlauf. Aufgrund der Flussanbindung konnte selbst bei Ebbe und Rohrverstopfung dem Wasservergnügen gefrönt werden. Ihr Erbauer Giselmund Golem wurde 1969 postum in die ‚Architect Hall of Fame“ aufgenommen. 2013 wird ihr auf der Route der Industriekultur eigens eine Sackgasse gewidmet werden.


Dahlhausen-Skyline.
Wer will schon nach LA oder New York City oder Schmedeswurtherwesterdeich, wenn er dies Panorama vor der Haustür hat, dazu noch vor der eigenen?
Das babyblaue Türmchen ist das Geburtstürmchen von Giselmund Golem. Heute beherbergt es die Giselmund-Golem-Stiftung, das Giselmund-Golem-Museum und das Giselmund-Golem-Archiv, das Mekka der Wasserrutschenarchitekten.

Die Luft war dann einfach raus, als wir angelegt hatten. Böse Zungen behaupten, die leichte Wölbung in der mittleren Planke sei dadurch entstanden, dass ich mit meinen zwei Zentnern von dort aus zu lange angetrieben und befohlen hätte. Der Maat der behauptete, ich hätte mich dort die ganze Zeit geschont, während die Besatzung uns unter Einsatz aller Kräfte bewegt hätte, wurde letzten Mittwoch unehrenhaft…

In diesem Hause wohnte bis zu seinem Tode das Haushälterehepaar Bratenkötter. Horst und Doris Bratenkötter erwarben sich Verdienste im Pampern von Giselmund Golem und seiner Gattin Bernhardine. Das Haus war ein Geschenk Giselmunds zum 44. Hochzeitstag der Eheleute Bratenkötter. Auch hier gelang Golem auf bahnbrechende Weise Architekturgeschichte zu schreiben. Wegweisend und bis dato unverzichtbar für Heerscharen von Ehepaaren war die Einführung getrennter Schlafzimmer mit Eingang von der Straßenseite. Links die Schlafzimmertür Horsts, rechts die der Doris.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Reise durch die Geschichte des Ruhrgebietes. Land und Leute gefallen mir! Und das dergestalt, dass ich sogar ab Herbst in einem Kurs der hiesigen VHS ihre Sprache erlernen will!

Ich entschuldige mich von Herzen für die ausufernde Länge des Artikels, aber ich hatte leider keine Zeit, mich kurzzufassen!

1000 Dank an Gerhard Rossmann, Chef des HEiNZ-Magazin Wuppertal, für die Einladung und den tollen Tag!!!

A.K.