Die Liebesschlösser der Pont Hohenzollern

Liebesschlösser Hohenzollernbrücke Köln

Eiskalte Brücke

Myriaden Liebesschlösser: Der Fußgängerweg auf der Hohenzollernbrücke ist für elf Uhr vormittags unerwartet leer. Ein paar Touristen verlieren sich auf dem Trottoir. Ein Streifenwagen rollt langsam in Richtung schäl sick. Ein Japaner fotografiert eine Japanerin. Sie lächelt breit und vielzahnig ins Objektiv. Der Wind pfeift mir eisig um die Ohren. Die Sonne steht in orange über Deutz, aber sie wärmt nicht. Dafür schafft sie ein klares Licht. Und sie scheint direkt auf die zig tausend Liebesschlösser.
Sie kommen, sehen und schließen. Und mittlerweile bilden sie eine eigene Schließgesellschaft. Niemand weiß, wie viele Schlösser an den Gittern des stählernen Koloss‘ hängen. Und natürlich weiß auch niemand, wie viele Ewigkeiten bereits aufgelöst sind.

Vom Brauch zum Schloss

Woher der Brauch dieser Liebesschlösser stammt, darüber scheiden sich Geister und Meinungen. Durchgesetzt hat sich, er stamme aus Italien. Die Minnenden auf dem Apennin schlossen ihren Bund weiland symbolisch auf der Ponte Milvio. Und nach diesem Akt warfen sie den Schlüssel in den Tiber.
Der Streifenwagen hat derweil gestoppt, und die beiden Beamten befragen einen südländisch aussehenden Mann, der die deutsche Zunge weder akustisch noch verbal beherrscht. Ich höre etwas von „nix arbeiten“ aus dem Munde eines Polizisten in blau und weiß, hier geht es um banalere Dinge, als um Amore. Mit der Digitalkamera in der halb erfrorenen Hand schlendere ich am Zaun entlang, betrachte das bunte Sammelsurium der Treueschwüre und knipse was das Zeug hält. Alle Schlösser sind entweder mit dem schwarzen Filzstift beschrieben oder graviert. Eine Lawine an Vornamen donnert über mich hinweg. „Marion & Mathis“, „Elke & Marco“ „Salvatore & Maria“, „Enrique & Ines“… und nirgends fehlt das entsprechende Datum. Ein Mann, ganz in schwarz gekleidet, das dichte dunkle Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, von südländisch braunem Teint, steht tief gebückt vor einem der Gitter und hantiert an einem großen silbrigen Schloss. Er drückt den Schließbügel in das Gehäuse, erhebt sich und lächelt glücklich. Ich frage ihn, für wen er das Schloss angebracht habe, da ich weit und breit keine Frau sehe. Er schaut mich stumm an. Ich frage ihn, ob er deutsch spreche. Er schüttelt, noch immer selig lächelnd, den Kopf. Wie aus dem vielzitierten Nichts, steht plötzlich ein zweiter Mann neben mir. Er sieht aus wie der jüngere Bruder des einen. Als sie sich umarmen und auf die Wange küssen, weiß auch ich, dass sie nicht die Bruderliebe verbindet. Arm in Arm schlendern sie davon.

Moderne Tradition

Der Liebesschlösser-Brauch trägt bunte Blüten. Unter liebesschloss.de kann sich das verliebte Paar sein eigenes, individuelles Schloss anfertigen lassen. Jedoch nur in schlichter Gravur und Ausführung. Warum jedoch drei Schlüssel mitgeliefert werden, wo diese ja im Rhenus Fluvius landen werden, das erschließt sich mir nicht.
Die Streife ist weiter gen Deutz gerollt, und ich schlendere ihr hinterher. Hin und wieder bleibe ich stehen und betrachte mir manches Schloss genauer. Das von Jürgen + Anne sieht aus, als wurde es mit einem Nagel graviert. Tiefe rostfarbene Furchen ziehen sich ungleichmäßig durch das messingfarbene Gehäuse. Gleich daneben hängt das von W. & D. Das Design ist das genaue Gegenteil seines Nachbarn. Buchstaben und Ziffern sind von preußischer Gleichmäßigkeit und militärisch genau ausgerichtet. Aber es sticht ob seines Datums heraus. W und D schlossen ihren Bund am 30.7. 1971. Sven & Laura schworen sich amore in perpetuum auf einem großformatigen roten Herz, das sie mit dem obligaten Verschluss aus dem Hause Arbus angekettet haben. Unweit daneben klebt ein Treueschwur der anderen Art am Zaun: ein auf Aluminium gedrucktes Bild einer Abiturklasse des Jahres 1965, von sieben Ehemaligen mit dem Filzer unterschrieben. Zwischen den herkömmlichen Schlössern prangen vereinzelt Varianten. Mal ist es ein Kabelschloss, mal ein Bügelschloss, oder ein Kettenschloss. Und mittendrin in alledem hängt eine blaue Flex. Für die kleine Trennung zwischendurch. Niemand will ja im Rhein nach dem Schlüssel tauchen.

Jahrestag

Auf meinem Weg zurück Richtung Dom treffe ich doch noch auf ein Paar, dass sich hier verewigte. Sie feiern heute mit einigen Freunden ihren Jahrestag und sind extra gekommen um zu schauen, ob ihr Schloss noch hängt. Alle lächeln dem Anlass gemäß, sind indes wenig kommunikativ. Ich fühle mich wie ein Eindringling in eine geschlossene Gesellschaft und verabschiede mich auf Französisch. Es geht auf Mittag zu. Zeit für etwas Warmes.

André Krajewski