Sukzessivkontraste

Sukzessivkontraste

Das Runde ist das Wesen allen Seins, und die wichtigsten Dinge im Leben eines Mannes sind rund; die Erde, die Sonne, der weibliche Busen, ein Fußball…und für mich dein Gesicht. Nun, die Erde werde ich weiterhin bewohnen, die Sonne ging für heute nahezu unter, der geliebte Busen heute Morgen für immer fort, und der Fußball vermochte ihn heute Abend nicht adäquat zu ersetzen. Überall auf den Flachbildschirmtribünen sah ich dich…
Warum ich ausgerechnet jetzt an diesem Ort bin, das frage ich mich in der Sekunde, als die ersten traubengroßen Tropfen auf meine Stirn klatschen. Dass dies passieren würde wusste ich; nicht weil die langbeinige Blondine vor der Tagesschau stets Recht behielte, sondern weil ich meinen Schirm vergessen habe. Ich schlage den Kragen meines Mantels hoch, obschon dies bei senkrecht herabfallendem Regen wenig Schutz verheißt, und mache mich auf den Fußmarsch, den Fluss entlang, zur mir bekannten kleinen Siedlung, und ich hoffe, mich trifft dort der Zufall eines verkehrenden Omnibusses. Unwetterlicht zuckt unaufhörlich, und malt sekündlich neue grelle Schnittmusterbögen in den Himmel. Sie illuminieren die Wolken, die sich über mir murmelnd türmen, als quirlte sie jemand mit einem überdimensionalen Handrührgerät. Ein Zug donnert über die stählerne Brücke, während ein Donner hölzern um die Brücke zieht. Nicht, dass ich von Natur aus ein Feigling wäre, aber ich erhöhe die Schrittfrequenz. Meine Füße patschen auf dem nassen Boden. Ich liebe das Geräusch der Füße auf nassem Kopfsteinpflaster. Die Erde ist aufgeweicht, und manchmal rutsche ich aus, und ich bin sauer auf dich, weil du mich verlassen hast. Nur zu gern spürte ich jetzt deinen lustheißen Atem; atme das muffige Arom moosigen Waldes.
Es blitzt nicht mehr. Ich bin im Würgegriff der Dunkelheit. Zwölf oder dreizehn Jahre ist es her, dass ich diesen Weg zuletzt ging, und noch viel früher ging ich ihn oft. Dass ich schemenhaft etwas wahrnehme, ist euphemistisch. Gleich nach der Anhöhe fließt ein Rinnsal über den Weg, erinnere ich mich. Ich mache einen langen Schritt. Es regnet nicht mehr, und ich streiche mir das nasse Haar aus dem Gesicht. Nach einer Biegung geht es wieder bergauf, und oben erwartet mich die Lichtung, sehe doch auch dort nur dürftig, sehe bizarre Schattenrisse von Bäumen, und sie sehen aus wie Dinosaurierskelette. Der Fluss liegt sicher zwanzig Meter unter mir, doch ich höre ihn rauschen, als hielte ich eine Muschel an mein Ohr. Es raschelt im Unterholz. Für eine Maus raschelt es zu laut. Habe ich nicht irgendwo gelesen, das Ratten nachts schlafen?
Ich laufe in einen Tunnel aus Dunkelheit. Gleich wird wieder ein Rinnsal den Weg durchschneiden, breiter als der erste, danach noch einige Schritte, und der Weg wird schmaler werden, gepflastert mit aus dem Boden ragenden Steinen und Wurzeln. Die Treppe! Ich eile stracks auf die steile Treppe zu! Ich gehe im Zickzack, nehme Anlauf und springe, höre hinter mir den Bach zu Tal plätschern, und muss plötzlich nießen, erschrecke mich vor meinem eigenen Laut. Links von mir raschelt es in einem Baum; Flügel flattern flappig, und ein Geschwader fliegt schimpfend davon, schimpft auf krähisch, was mich amüsiert, denn ich erkenne sonst einen Emu im Zoo nicht, wenn er vor mir steht. Ich bleibe stehen, atme tief durch. Die modrigkalte Luft brennt in meiner Lunge. Vor meinen Augen türmt sich das Schwarz der Stiege. Irgendwo auf der anderen Seite des Tals bellt ein Hund; erinnert mich an Jack, deinen frechen Jack Russell Terrier. Und ich frage mich grinsend, wie du wohl einen Nova Scotia Duck Tolling Retriever genannt hättest. Die ausgetretenen Steinstufen sind glitschig, und das schmiedeeiserne Geländer ist eiskalt, überzogen vom Wasser des Regens. Meine Finger sind klamm. Feuchtigkeit rankt an mir empor. Ich zittere, bekomme Gänsehaut, ziehe zuckend die Schultern hoch.
Die Wolken reißen auf und der Fluss funkelt diamanten im Licht des Vollmondes. Noch zwei oder drei Minuten, und ich werde wieder festen Boden unter den Füßen fühlen, denn der Fluss zieht den ersehnten Bogen, und hier irgendwo ist die Brücke. Ich male mir aus was passierte, wenn ich sie verfehlte. Ich war nie ein guter Schwimmer. Meine Schritte tönen plötzlich hölzern, was mich beruhigt und … durch die Sohlen meiner Stiefel spüre ich danach den Asphalt. Wind ist aufgezogen, trägt das Läuten einer Kirchturmuhr zu mir. Noch einmal ein Stück Wald, noch einmal ein Stück Dunkelheit, dann werde ich da sein. Blätter rauschen, Äste knacken, prallen dumpf tönend auf den laubbedeckten Boden. Hoch über mir zieht ein Flugzeug scharf brausend Streifen durch die Sterne. Der Wind haucht mir ins Gesicht wie du, bevor wir uns küssten. Vor mir steigen zwei Lichter auf, kriechen auf mich zu, wachsen, blenden mich. Ich bleibe stehen, kneife die Augen zusammen. Musculus sphincter pupillae. Brennende Miosis. Erst als der Wagen fort ist, fühle ich mich wieder sicher, warte auf die Mydriasis, tappe tentativ, schreite durch den Kohlrausch-Knick, fühle mich verfolgt. Irgendwer begleitet mich. Abrupt bleibe ich stehen, drehe mich um, sehe die Silhouette einer Katze mit aufgerichtetem Schwanz, dessen Spitze s-förmig schlängelt. Urplötzlich entflieht sie in ein Gebüsch. Zweige winken mir zu. Ich lächle, ich muss weiter…
Ich erreiche endlich den kleinen Ort. Wo eben noch Büsche und Bäume Spalier standen, ruhen nun Fachwerkhäuser, und ihre matten Fenster blicken mich an wie erloschene Augen. Die Straße ist zu Ende. Die vielen Laternen spenden lauwarmes Licht. Ich kenne die Kreuzung, kenne die Häuser, sah sie dutzendfach; sah sie nur bei Tageslicht. Suchend sehe ich mich um; fühle mich wie irgendwo ausgesetzt. Aus einem Café treten zwei Frauen, kommen auf mich zu, und ich frage sie mit unsicherer Stimme, wo ich die Busstation finden könne.

© André Krajewski