Shooting in Odonien

Noch nie etwas von Odonien gehört? Nun, Odonien ist ein kleiner Staat im Staate. Er existiert seit vielen Jahren, ist kleiner als der Vatikan, aber größer als mein ‚Café zum armen Poeten‘. Odonien wurde gegründet, um Künstlern, Kulturschaffenden, Wissenschaftlern etc. ein Forum und vor allem Raum für Kunst zu schaffen. Seit 1992 hat der Künstler Odo Rumpf dort sein Atelier. Odonien liegt in Köln-Nippes, vis-à-vis dem unter potenten Männern der Region bekannten Pascha, und war früher einmal ein Ausbesserungswerk der Deutsche Bundesbahn.
Wir schreiben das Jahr 2007. Es ist ein nasskalter Freitag im Januar. Ich bin frischgebackener Schriftsteller, und mein Debütroman ist soeben erschienen. Die ersten Exemplare sind verkauft. Ich nehme die Verkaufsliste bei Amazon im Handstreich. Von Platz 1.000.978 katapultieren mich Bestellungen, zwei oder so, auf Platz 20.597. Ja, meine Wahl des Verlags ist richtig, stelle ich zufrieden fest. Doch dann verlegt sich meine Verlegerin darauf, sich als Universaldilettantin zu beweisen. Sie managt so nebenbei eine Funk-Rock Kapelle aus dem schönen Haan. Die Songs…hauen mich zwar nicht aus meinem bequemen Dichtersessel, aber mit ’solide‘ sind Band und Mucke nicht unterbewertet. Die Idee ist, die Jungs zu fördern und teuer an ein Label zu verhökern. Die Frage ist, wie das bewerkstelligen!
Da mit einem Musiker und Tonartisten liiert, der wiederum einen in New York City lebenden Videoartisten kennt, kommen Verlegerin und Co. auf die Idee, zu Demozwecken ein Video zu produzieren. Kontakte nach Köln knüpft ein Producer, der mal Wahl-Kölner war, und in der Domstadt für EMI gearbeitet hatte. Ich kannte mal Leute, woll? Ok, des Producers Idee war auch eine Lesung mit Musik. Die fand in einem alten Club in der Kölner Südstadt statt. Es kamen…null zahlende Gäste. Die Band spielte, Hannes las, kurz vom Telefon unterbrochen, da jemand vom Chef wissen wollte, wer denn den Laden abschließen solle. Aber man stielte jenen Videodreh ein!
Ich stelle mich in den Dienst der Sache, helfe Schleppen, und dokumentiere nebenbei mit des Tonartisten teurer Kamera das Shooting. Dass ich mir keine Lungenentzündung anlache, verdanke ich meiner robusten Konstitution! Oder auch reinem Glück! Und nein, mein Lohn war nicht ein freier Besuch im Pascha!!!
In aller Früh düsen wir nach Köln, holen dort irgendwo die angemietete Ausrüstung ab, und machen uns auf nach Odonien. Das Set wird bereitet. Die Band spielt sich warm. Ich friere mir den Arsch ab. Und wir drehen…und drehen…und drehen…und ich beinah durch!
Zum Ensemble stößt eine junge Dame. Quasi als Quotenfrau fürs Video. Und als Blickfang… Sex soll ja bekanntlich sellen! Darüber verfügt die Dame auch! Gut verpackt unter Jeans und Parka! Ist ja doch etwas schuppig. Eine Maskenbildnerin ist auch vor Ort, bildnert an Musikern und Quotenfrau herum. Ein Freund des Videoartisten dokumentiert ebenso, also dokumentiere ich quasi die Dokumentation. Wir sind durchaus reichlich Personal. In mir keimen erste ernste Gedanken, wie meine Verlegerin eigentlich das Marketing für meinen Roman bezahlen will, fungiert sie so nebenbei auch als Finanzier des Ganzen. Aber ich schweife ab…
Das Gelände ist derart feucht, dagegen ist der Dschungel die Wüste Gobi! Das Catering ist…also es bleibt einem nicht gerade der Gaumen stehen, doch hätte es gern etwas mehr sein dürfen. Ein frierender Mann, seine Klamotten klamm, dann noch hungrig…ich bekomme Angst vor mir!
Zwischen meinen Einsätzen als Träger liegt Zeit. Viel Zeit! So streiche ich ein wenig über das Gelände, fotografiere hier, belichte dort…und langweile mich nebenbei zu Tode! Sehnsuchtsvoll schweifen meine Blicke rüber zum Pascha. Dort gäbe es sicher viel menschliche Wärme…
Irgendwann, es ist inzwischen finster, ist der letzte Take im Kasten. Wir packen zusammen. Der Videoartist lädt uns alle in eine große Kneipe ein, leiht sich, da blank, die notwendige Kohle für die Zeche bei meiner betuchten Verlegerin, die so wirklich betucht auch nicht ist, und irgendwann geht es ab zurück in die Heimat.
Das Video habe ich noch irgendwo. Ob es diese Kapelle noch gibt, entzieht sich meines Wissens. Sie bekam natürlich keinen lukrativen Plattenvertrag. Sie bekam nicht mal einen Gig. Mein Roman bekam auch kein Marketing…ich keinen Auftritt auf der Leipziger Buchmesse. Es fehlten ja die rund 3.500 Schleifen in der Portokasse, die dieser Tag gekostet hatte. Aber wer kann schon von sich behaupten, mal Teil eines Teams beim Dreh eines Musikvideos gewesen zu sein? Dafür verzichtet man gern, auf dieser ominösen Spiegel-Bestsellerliste zu landen! Man entlohnte mich für den Tag mit einem Fuffi! Das war mehr, als ich durch Buchverkäufe verdiente… 🙂

bis gleich…